Wie und warum bin ich zur Persönlichen Assistenz gekommen und wie sieht jetzt für mich ein normaler, also schöner, Tag bei mir aus

Samstag, 21. Oktober 2017

Ich war 16 Jahre in einer betreuten Wohngemeinschaft und war dort schon lange nicht mehr glücklich, weil es in der Betreuung kaum möglich war auf meine Bedürfnisse und Wünsche, also auf meine Individualität, einzugehen und mich dies stark belastete.

Ich war damals schon mit Leuten befreundet die Persönliche Assistenz hatten und hörte bzw. sah dadurch wie individuell dieses Unterstützungsmodell ist.

Genau das wollte ich auch haben:

Also machte ich mich auf die Suche nach einer eigenen Wohnung, weil dies ja ein Kriterium dafür ist - die Suche gestaltete sich schwierig. Aber ich hatte Glück. Nach drei Jahren fand ich durch Zufall in einem Newsletter eine Projektbeschreibung, wo auch angegeben war, dass auch Leute mit Behinderung besonders willkommen sind. Das war jetzt meine Chance. Ich meldete mich dort an und bekam sehr rasch eine Zusage, mir auf dem Entwurfs-Plan (die Wohnungen waren noch nicht gebaut) eine Wohnung aussuchen zu können. Ich dachte mir nur, "Hurra, jetzt kann ich endlich ausziehen und selbstbestimmt leben." Der Auszug war ein besonderes Gefühl. Warum? Weil die Vorbereitungen anstrengend aber positiv aufregend waren. Ich nahm viele Beratungsgespräche bei der WAG in Anspruch, bei denen es darum ging, meinen Assistenzbedarf genau zu ermitteln und zu überlegen, wann und wofür ich genau Persönliche Assistenz brauche. Außerdem musste ich mir überlegen, was meine Assistentinnen können sollen, und wie viele es sein müssen. Schon diese Vorbereitungen waren immer mit einem positiven Gefühl verbunden. Ich hatte Freude daran, mir darüber Gedanken zu machen, und diese Überlegungen gaben mir viel Energie.

Wie sah nun aber der tatsächliche Auszug aus der betreuten Wohngemeinschaft aus?

Bei allen Überlegungen die Barrierefreiheit betreffend war mir meine Familie eine große Hilfe und war zum Glück stets für mich da, da mich bei der Einrichtung meiner Wohnung, beim Einpacken meiner Sachen und bei den Übersiedlungsarbeiten das betreute Wohnen gar nicht unterstützte. Sie teilten mir immer wieder mit, dass dies nicht ihre Aufgabe sei, da ich ja in ein anderes Lebensmodell wechseln wollte und daher auch dies nicht mehr ihre Sache sei. Ich bekam die unbedingt notwendige Unterstützung von Bekannten, meiner Familie oder meinen Assistentinnen, die mir auch damals zum Arbeiten schon zur Verfügung standen und die mir, wenn ich auf Urlaub ging, auch beim Übersiedeln assistieren durften.

Am lang ersehnten Übersiedlungstag brachten meine Eltern meine Sachen mit dem Auto in meine neue Wohnung. Meine Persönliche Assistentin war dort schon im Dienst und räumte alle Sachen mit mir langsam aus und sortierte sie genau so ein, wie ich es haben wollte. Sie fragte mich immer wieder, wo sie die Sachen hingeben kann, und wie sie es anordnen soll. So viele Fragen auf einmal waren für mich ein ungewohntes, aber tolles Gefühl. Es machte mir Spaß, meine Wohnung einzurichten, Bilder aufzuhängen, und die Dinge genau so zu sortieren, wie ich sie brauchte, oder haben möchte.

Wie sieht jetzt aber mein Alltag mit Persönlicher Assistenz aus?

Meine Assistentin kommt um 8:00 Uhr zu mir in die Wohnung und unterstützt mich beim Aufstehen und Zähneputzen. Ich entscheide, welches Gewand ich anziehe, genau so wie ob meine Kleidung gebügelt ist oder nicht, welche Farbe mein T-Shirt hat, und ob ich eine Jeans oder etwas Anderes tragen möchte. Danach genieße ich mein immer frisch zubereitetes und abwechslungsreiches Frühstück. Ob Brot, Müsli oder Ei, meine Assistentin gibt mir alles gerne und hat auch mit Unterstützung beim Essen kein Problem. Nach dem Frühstücken gehe ich meiner Arbeit als Interviewerin nach. Bei dieser Tätigkeit unterstützt mich meine Assistentin am Computer. Sie gibt Datensätze ein und unterstützt mich aufgrund meiner Wahrnehmungsstörung dabei, dass ich die Zeile nicht verliere, und die Fragen gut und richtig vorlesen kann. Nach dem Arbeiten möchte ich meist ein Mittagessen. Auch dies ist oft frisch gekocht und ich entscheide immer selbst, was ich haben möchte. Am Nachmittag gehe ich oft meiner Tätigkeit als Lebens- und Sozialberaterin nach. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich mich um Anfragen meiner KlientInnen kümmere, mich bei Weiterbildungen anmelde, Mails beantworte, meine Webseite aktualisiere oder ähnliches. Danach steht Freizeit oder Haushalt am Programm. Was kann Freizeit für mich bedeuten? Raus gehen, Veranstaltungen besuchen, Fotos sortieren, Freunde treffen, Schwimmen gehen, im Park einfach die Ruhe genießen, oder aber auch mein Hochbett und meine Blumen pflegen beziehungsweise umgestalten. Nun kann ich auch so Dinge wie ein Feuerwerk oder eine Akrobatik-Show genießen, weil mich meine Assistentin durch gezieltes Aufmerksammachen aktiv dabei unterstützt, solche Aktivitäten bewusst wahrnehmen zu können.

Weil ich mir Assistenz rund um die Uhr nicht leisten kann, sind immer wieder Pausen notwendig und auch in der Nacht bin ich alleine. In diesen Pausen kann ich nicht viele Dinge selbst machen, außer Musik hören, telefonieren, auf der Terrasse stehen, oder fernsehen. Was bedeutet die Pause außer Langeweile noch? Sie bedeutet, dass ich mir Trinken einteilen muss, also den ganzen Tag darauf achten muss, wann ich was und wie viel trinke, damit ich in der Pause sicherlich nicht auf die Toilette muss. Wenn meine Assistentin von der Pause zurück kommt, gehe ich oft duschen und sie kocht mir ein Abendessen. Dann verbringe ich Zeit bei Facebook oder zünde einfach nur eine Kerze an, weil mir das Spaß macht und ich auch dies früher nicht durfte. Danach gehe ich meist schlafen, damit meine Assistentin pünktlich nachhause gehen kann. Auch bei der Abendroutine geht es darum, dass es mir in der Nacht gut geht. Das bedeutet, dass ich all meine Dinge so habe, wie ich sie brauche und ich richtig gelagert bin, die Höhe der Jalousien genau passt, mein Handy angesteckt ist, so dass es nicht auf den Boden fallen kann.

Das war nun eine durchschnittliche Alltagsbeschreibung von mir. Meine Tage gestalten sich aber sehr individuell und unterschiedlich. Je nachdem, was ich machen möchte, wie das Wetter beziehungsweise meine Stimmung ist, was mein Körper braucht, ob ich Physiotherapie habe oder nicht, mich jemand besucht oder worauf ich einfach Lust habe. Aber ich weiß, dass genau diese Individualität nur mit Persönlicher Assistenz möglich ist. Weil es eben eine ganz individuelle und tolle Unterstützungsform ist. Ich habe mir diese individuelle Leistung hart erkämpft und hoffe, dass ich sie nie wieder verliere. Denn, wenn ich sie verliere, verliere ich sowohl mein jetzt positiv gestaltetes Leben, als auch meine Selbstbestimmung. Und das wäre furchtbar für mich. In diesem Zusammenhang möchte ich meinen Assistentinnen Danke! sagen. Danke dafür, dass ich den Eindruck habe, dass sie meist gern bei mir arbeiten und mir viel Wertschätzung entgegen bringen. Danke aber auch für die Förderungen, die dies überhaupt erst ermöglichen.

Wünschen Sie sich auch den Wechsel in ein anderes Lebensmodell? Dann kann ich Ihnen gerne noch genauer über meine Erfahrungen berichten und Sie dabei unterstützen, Ihre persönliche Strategie in diese Richtung zu entwickeln!